Ist der Wald noch zu retten? Und vor allem: wie?

Veröffentlicht am 14.09.2020 in Aktuelles

Über 20 Termine in neun Tagen von Todtnau-Brandenberg bis Bad Bellingen – das war die Sommeraktion Anfang August dieses Jahrs. Eines der Schwerpunktthemen war der Wald, genauer: die klimabedingten Waldschäden.

Dazu Fragen an den Landtagsabgeordneten Rainer Stickelberger.

Die Waldschäden sind massiv und unübersehbar: tote Fichtengruppen auch in den höheren Lagen, braune Buchen, Notabwurf von Blättern auch bei anderen Arten – Anfang August sah es bei Deiner Sommertour schon überall aus wie im Herbst. Was sind die Ursachen?

Stickelberger: Ja, der Wald sah teilweise schon erschreckend aus, und das nochmal deutlich schlimmer als auf meiner Sommertour im letzten Jahr. Hinzu kommt noch, dass auch die Quellschüttungen deutlich zurückgehen und damit die Trinkwasserversorgung mancher Berggemeinde schwieriger wird.

Ursache ist der Klimawandel mit heißeren Sommern, mit längeren Hitzeperioden und gleichzeitig zu wenig Regen oder Schnee im Winter - und das in Folge. Die Böden sind dadurch tiefgründig ausgetrocknet, dazu kommen beim Wald noch Sturmschäden, vor allem aber der Borkenkäfer, der sich exponentiell vermehrt und auf die geschwächten Bäume trifft. Der Landkreis Lörrach ist, so wurde mir von Förstern erläutert, einer der Schadensschwerpunkte der klimabedingten Waldschäden im Land.

Du hast Dich also mit Förstern getroffen. Mit wem hast Du noch gesprochen? Und nach welchen Kriterien hast Du Deine Gesprächspartner ausgesucht?

Stickelberger: Ich wollte ein möglichst breites Spektrum abdecken – von den Gemeinden mit viel Waldbesitz über Förster bis zu Naturschützern.

Gerade die Bürgermeister der Flächengemeinden, also der Kommunen mit viel Waldbesitz im Oberen, mittleren und Kleinen Wiesental haben Probleme:  für sie ist der Wald vom Tafelsilber zum Zuschussbetrieb mutiert. Der Holzmarkt ist mehr oder weniger zusammengebrochen und der Holzpreis im Keller. Gleichzeitig sind aber Investitionen zur Wiederaufforstung nötig und private wie öffentliche Waldbesitzer müssen auch weiter ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommen. Viele Gemeinden im ländlichen Raum können sich den Wald daher eigentlich gar nicht mehr leisten.

Wichtig war mir zudem, mit Förstern zu reden und mir die Schäden mit ihnen gemeinsam vor Ort anzuschauen. Das habe ich bei einer fast dreistündigen Waldbegehung an verschiedenen Standorten in Weil am Rhein und Eimeldingen mit dem Forstbezirksleiter und dem zuständigen Forstrevierleiter gemacht.

Und schließlich war ich auch in der Geschäftsstelle des Biosphärenreservates Schwarzwald in Schönau und habe mit dem Leiter der Geschäftsstelle des Biosphärenreservats Schwarzwald und dessen Mitarbeiter für Pressearbeit diskutiert.

Das waren also Gespräche mit Interessenvertretern, die durchaus unterschiedliche Perspektiven auf den Wald haben. Plakativ gesagt: hier die Naturschützer von der Biosphäre, da die Förster, die eben auch für Waldbewirtschaftung stehen und dann noch die Bürgermeister, für die gerade der wirtschaftliche Aspekt zentral ist. Gab es da konträre Positionen, wie man dem Wald helfen kann?

Stickelberger: Ja, es gab natürlich unterschiedliche Schwerpunkte. Aber diese harte Auseinandersetzung wie ich sie schon im Landtag erlebt habe zwischen den Grünen, die sich gegen jede Ansiedlung von nicht-einheimischen Baumarten und vor allem der CDU, die am liebsten nur noch wirtschaftlich gut verwertbare Fremdländer anpflanzen will – diese harte, ja ideologisch-fundamentalistisch geführte Debatte habe ich im Wahlkreis nicht widergespiegelt bekommen.

Im Grunde sind sich alle einig, dass sich der Wald regenerieren und auch künftig ganz überwiegend aus heimischen Hölzern bestehen wird, aber eben nicht mehr den gleichen Baumarten wie jetzt. Es ist absehbar, dass es den Wald, wie wir ihn kennen mit Fichten in den mittleren und höheren Lagen und Buchen bis in die tieferen Lagen, so nicht mehr geben wird.

Einig ist man sich auch darin, dass wir neben den heimischen Baumarten auch begrenzt Fremdländer brauchen, die trockenheits- und hitzeverträglicher sind.  Und vor allem brauchen wir einen breit aufgestellten Mischwald, damit die Risiken gestreut werden können.

Wiederaufforstung mit fremdländischen Arten im großen Stil will keiner. Wir müssen diese Diskussion also pragmatisch und ohne ideologische Scheuklappen führen!

Müssen wir diese Diskussion denn überhaupt führen? Brauchen wir denn überhaupt eine Waldbewirtschaftung? Wir könnten den Wald doch sich selbst überlassen, wenn er sich ohnehin selber regeneriert. In den Bannwäldern wird das ja bereits praktiziert.

Stickelberger: Ja, mir wurde mehrfach bestätigt, dass sich der Wald von alleine wieder regeneriert. Das kann man nicht nur in den Bannwäldern sehen, sondern auch beispielsweise am „Lotharpfad“. Und tatsächlich hat mir auch ein Bürgermeister gesagt, dass sich seine Gemeinde überlegt, den Wald nicht mehr zu bewirtschaften, weil es zu teuer sei und sie sich das nicht mehr leisten könnten.

Das hätte allerdings auch zahlreiche Folgen, die wir bedenken müssen. Dieser dann neu entstehende Wald würde, so habe ich auf meiner Tour gelernt, wahrscheinlich nicht mehr so reich an unterschiedlichen Baumarten sein, er würde also auch risikoanfälliger werden.

Vor allem aber würde er seine vielen Funktionen nicht mehr so gut erfüllen können. Er würde weniger CO2 binden, da sich Auf- und Abbauprozesse eher die Waage halten – seine Klimaschutzfunktion wäre also deutlich geringer; er würde weniger Arten aufweisen – das trifft seine Natur- und Artenschutzfunktion; heimisches Holz als Baumaterial und zur Möbelproduktion würde nicht zur Verfügung stehen, obwohl gerade dieser umweltfreundliche und nachwachsende Rohstoff wieder im Trend ist.

Betroffen wäre auch seine Erholungsfunktion. Gerade während des Lockdowns haben ja viele Menschen den Wald als Erholungs- und Erlebnisraum (wieder-) entdeckt. Ist ein weniger artenreicher Wald noch so interessant? Gibt es dann in einem solchen „Urwald“ noch Wege? Wer legt diese Wege an, wer hält sie instand? Wer ist zuständig für die Verkehrssicherungspflicht? Was passiert, wenn den ersten Spaziergänger ein großer morscher Ast trifft?

Oder wollen wir künftig eine Segregation, also eine Aufspaltung in Waldschutzgebiete  auf der einen und reine Wirtschaftswälder auf der anderen Seite – möglicherweise verbunden mit einer Polarisierung - hier der gute, romantische, vermeintliche Urwald, da der böse, kapitalistische, reine Wirtschaftswald?

Mein Fazit ist, dass eine verantwortungsvolle, nachhaltige und naturnahe Bewirtschaftung, die selbstverständlich auch Bannwälder miteinschließt, zum Erhalt der Vielfalt unseres Waldes und seiner unterschiedlichen Funktionen beiträgt und sie sichert.

Was kann, was muss das Land tun, um den Wald zu retten? Wie willst Du die Ergebnisse Deiner Sommertour in Deine Arbeit in Stuttgart einbringen?

Stickelberger: Klar ist, dass wir unseren Wald umbauen müssen - wenn wir ihn mit seiner Erholungsfunktion, mit seiner Klimaschutzfunktion, mit seinem Beitrag zum Natur- und Artenschutz weiter wollen.

Klar ist auch, dass dieser Waldumbau eine Langfristaufgabe ist und dass die Forstverwaltung dafür ausreichend Personal benötigt, um die Waldschäden aufzuarbeiten und den Umbau aktiv gestalten kann.

Und klar ist schließlich zudem, dass es dann deutlich mehr Geld und Unterstützung durch die Landesregierung braucht. Das Land muss beim Wald mehr intervenieren und deutlich mehr investieren. Bayern ist da schon viel weiter.

All diese Punkte werde ich in Stuttgart aufgreifen und kann sie – dank der vielen informativen Gespräche im Wahlkreis – dann auch gut untermauern.

 
 

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